Doris Möstl
© UEG

"Jetzt kann man Pluspunkte sammeln"

Was man an ihnen hat, merkt man erst so richtig, wenn man sie nicht mehr hat: Touristen, Geschäftsreisende, Kongressgäste. Wien hat es mit strategischem Weitblick und viel Einsatz geschafft, in den Olymp der Kongress-Destinationen aufzusteigen. Nicht zuletzt deshalb, weil Wien seit vielen Jahren ein international renommierter Innovations- und Wissenschaftsstandort ist. Dass hier regelmäßig neue Forschungen stattfinden und auch im Rahmen von Kongressen präsentiert werden, ist also kein Zufall.

Kongresstätigkeit läuft wieder an

Doch Covid-19 hat der Kongressstadt Wien einen großen Dämpfer verpasst. Und die Frage stellt sich: Wird es in Zukunft noch Kongresse geben? Mit Sicherheit ja, sind sich Experten einig. Werden sie eine Blaupause des Geschehens vor Corona sein? Eher nicht. Insbesondere was die Größe der Veranstaltungen betrifft, wird es Abstriche geben. Trotz Lockdown ist die Kongresstätigkeit mittlerweile schon wieder angelaufen. So hat etwa die European Academy of Neurology (EAN), deren Dachgesellschaft ihren Sitz in Wien hat, ihren Kongress im Mai zwar nicht, wie geplant, als Live-Event in Paris abgehalten, dafür virtuell im Netz. Die European League Against Rheumatism (EULAR) will es ihnen noch im Juni nachmachen; die European Society of Cardiology (ESC), die größte medizinische Vereinigung in Europa, folgt virtuell Ende August.

"Ich weiß von keinem größeren medizinischen Kongress, der heuer noch face-to-face stattfindet", sagt Doris Möstl. Die gebürtige Osttirolerin ist Geschäftsführerin der United European Gastroenterology (UEG). Fast 20 Jahre in unterschiedlicher Funktion bei UEG verschaffen ihr einen guten Überblick, was sich in der Branche tut. Einzig eine Veranstaltung im Dezember sei noch angesetzt, die einen Live-Event mit virtueller Option vorsehe, sagt Möstl.

Digitalisierungsschub

UEG ist eine Dachgesellschaft mit Sitz in Wien und mehr als 30 Mitarbeitern. Als Non-Profit-Organisation ist sie für die Fort- und Weiterbildung von Gastroenterologen in Europa und darüber hinaus verantwortlich. Das Kalender-Highlight ist die UEG Week, die jedes Jahr bis zu 14.000 Teilnehmer anzieht. Sie gilt als eine der innovativsten Veranstaltungen auf dem Kontinent. Seit 2013 fand sie alternierend in Wien und Barcelona statt, die vergangenen Jahre hybrid als Live-Event mit Parallelübertragung im Internet. Heuer wäre Amsterdam an der Reihe. Erst kürzlich fiel der Entschluss, die für Oktober geplante Veranstaltung nur virtuell auszurichten.

"Größere Veranstaltungen sind zwar ab August in Österreich und anderswo wieder möglich. Bei der UEG-Week kommen aber an die 14.000 Personen zusammen. Das ist anders als eine Besuchermesse, wo man Einbahnregelungen machen und den vorgeschriebenen Abstand halten kann", sagt Möstl. Rundum dürfte die Digitalisierung nun jedenfalls einen kräftigen Schub erfahren.

UEG zählt diesbezüglich zu den Vorreitern. Aus der Überlegung, den Ärzten neue, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Kongressveranstaltung hinaus zugänglich zu machen, wurde vor Jahren mit dem Aufbau einer virtuellen Bibliothek begonnen. Möstl: "Wenn wir schon Redebeiträge mitschneiden, können wir die Veranstaltung auch live streamen, haben wir uns gedacht." Zuletzt wurden schon gut 50 Prozent des UEG-Programms live übertragen.

Kein Ersatz für Live-Events

Ein Ersatz für das Live-Event sei die Verlagerung im Netz jedoch nicht. "Die Teilnehmer kommen nicht nur wegen des Contents, sondern auch im Wissen, während der Kongresstage alle relevanten Personen zu treffen. Es geht um Geschäftskontakte, wissenschaftliche Begegnungen, Konsortiengründungen, für viele aber auch darum, mit Vortragenden in Kontakt zu treten", sagt Möstl: "Und nicht zu vergessen: das Update der Industrie, Diskussionen, was in der Pipeline ist, Recruiting von Ärzten. Wir müssen schauen, wie wir all das in Zukunft ermöglichen können."

Das Geld, das während der Kongresstage verdient wird, kommt der Aus- und Weiterbildung angehender Ärzte zugute. Sollten Kongresse, so wie sie bisher konzipiert waren, nicht mehr möglich sein, käme das gesamte Geschäftsmodell ins Rutschen. Gerade die Industrie sei eine wichtige Einnahmequelle für jeden Veranstalter. Wie und ob virtuelle Industrieausstellungen möglich sind und auch Anklang finden, müsse sich erst zeigen. Jedenfalls suche man gemeinsam nach Lösungen.

Comeback 2021

2021 ist erneut Wien Austragungsort der UEG Week. "Weil der Kongress im Oktober stattfindet, gewinnen wir etwas Zeit", sagt Möstl: "Wir hoffen, dass es im ersten Halbjahr 2021 eine Impfung gibt." Kongressveranstalter benötigen auf jeden Fall eine Art Sicherheitsnetz mit mehr Flexibilität als bisher, um finanziell nicht durch die Finger zu schauen, wenn eine Veranstaltung abgesagt werden muss. Entscheidend für die Zukunft werde sein, wie kooperativ sich die Partner in der augenblicklich schwierigen Situation verhielten. "Jetzt kann man Pluspunkte sammeln oder Vertrauen verspielen", sagt Möstl.

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