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Auf die Medizin in Wien ist seit Jahrhunderten Verlass

Selbst, wenn der Auslöser wie bei Covid-19 ein hinterlistiges Virus ist - auf die Gesundheitsinfrastruktur in der Stadt können sich Einheimische wie Gäste verlassen. Die Gründe für die Stärken der Medizin in Wien reichen weit zurück. Bereits im Mittelalter war die Medizinische Fakultät der Universität Wien eine Instanz. Internationale Bedeutung erlangte sie, nachdem der von Erzherzogin Maria Theresia 1745 nach Wien berufene Gerard van Swieten den Grundstein zur ersten Wiener Medizinischen Schule gelegt hatte. Renommierte Kapazitäten waren hier tätig. Mit der Eröffnung des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) 1784 bekamen die Mediziner eine Wirkungsstätte, die sich zum wichtigsten Forschungszentrum entwickelte und im Laufe des 19. Jahrhunderts die zweite Wiener Medizinische Schule entstehen ließ.

Anatomische Studien

Die Basis für den Höhenflug bildeten anatomische Studien, die vom Pathologen Carl Freiherr von Rokitansky (1804-1878) und dem Internisten Joseph Skoda (1805-1881) vorangetrieben wurden. Als Lehrstätte für angehende Mediziner spielte eine auf Joseph II. zurückgehende Institution eine wichtige Rolle: das 1785 als chirurgisch-militärische Akademie gegründete Josephinum. Zur Zeit wird das Haus generalsaniert. Die weltberühmten anatomischen Wachsmodelle sollen 2021 wieder besichtigt werden können.

Auch in der Geburtshilfe wirkte sich die neue, naturwissenschaftlich fundierte Forschung aus. Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865), vom Medizinhistoriker Herwig Czech als "Vater des Händewaschens" tituliert, kommt durch Corona zu neuen Ehren. Er entwickelte eine neue Theorie des Kindbettfiebers, die in der Ärzteschaft heftige Kontroversen auslöste. Obwohl die Avantgarde der Wiener Medizin Semmelweis unterstützte, scheiterte dessen Karriere in Wien an der Gegnerschaft konservativer Professoren.

Viele weitere Disziplinen erhielten ab Mitte des 19. Jahrhunderts wichtige Impulse. Die Psychiatrie, aufs engste mit dem Namen Sigmund Freud (1856-1939) verbunden, ist nur eine davon. Besonders spektakulär waren die Fortschritte in der Chirurgie. Schon 1840 hatte Franz Schuh (1804-1865) die weltweit erste erfolgreiche Herzbeutelpunktierung durchgeführt. Die Spitzenleistungen der Wiener Chirurgie verkörperte Theodor Billroth (1829-1894), der die konsequente Asepsis durch "Reinlichkeit bis zur Ausschweifung" eingeführt hat.

Im Bereich der Inneren Medizin hatte die Universität Wien mit Hermann Nothnagel (1841-1905) einen führenden Vertreter. Sein Schüler Guido Holzknecht (1872-1931) widmete der Anwendbarkeit von Röntgenstrahlen in Diagnostik und Therapie. Das von ihm errichtete und geleitete Zentral-Röntgeninstitut im AKH wurde zur Ausbildungsstätte für Radiologen aus der ganzen Welt.

Nobelpreisträger

Die internationale Bedeutung der Wiener Medizin schlug sich auch in Nobelpreisen nieder. 1914 erhielt Robert Bárány (1876-1936) den Medizin-Nobelpreis für seine experimentelle Erforschung der Funktion des Gleichgewichtsorgans. 1927 war der Neurologe und Psychiater Julius Wagner-Jauregg (1857-1940) dran, dessen methodisch-wissenschaftliche Wurzeln in der experimentellen Pathologie lagen. Um 1917 erforschte er die Methode zur Heilung der progressiven Paralyse durch Fieber.

Dem "Mutterfach" der Zweiten Wiener Medizinischen Schule, der pathologischen Anatomie, entstammte ursprünglich auch der Nobelpreisträger Karl Landsteiner (1868-1943), dem als Assistent bei Anton Weichselbaum (1845-1920 um 1900 die Entdeckung der Blutgruppen gelang. 1930 wurde er dafür mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt. 1936 erhielt Otto Loewi (1873-1963) diesen Preis für den experimentellen Nachweis der chemischen Übertragung von Nervenimpulsen. 1938 wurde er dazu gezwungen, sein Preisgeld dem Deutschen Reich zu übertragen, damit ihm die Emigration gestattet wurde.

Obwohl die Wiener Medizin auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg über hohe Reputation verfügte, markiert der "Anschluss" 1938 das Ende eines wissenschaftlichen Höhenfluges, der zu einem beträchtlichen Teil jüdischen Ärzten geschuldet war.

MedUni Wien im Spitzenfeld

Die Zeit ist jedoch nicht stehen geblieben. Die MedUni Wien zählt heute mit rund 8.000 Studierenden zu den größten medizinischen Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum. Mit ihren 29 Universitätskliniken und klinischen Instituten, zwölf medizintheoretischen Zentren und zahlreichen hochspezialisierten Laboratorien zählt sie zu den bedeutendsten Spitzenforschungsinstitutionen Europas im biomedizinischen Bereich.

Über Wien gibt es 45 Krankenanstalten, davon 17 Spitäler und Pflegewohnhäuser in Verwaltung der Stadt. Mit 685 Ärzten bzw. Ärztinnen je 100.000 Einwohner belegt Wien Platz drei in der EU. Auch das AKH hat enorme Strahlkraft über die Stadt- und Staatsgrenzen hinaus; es ist zum Beispiel eines der vier weltweit führenden Zentren für Lungentransplantation.