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Neuer Enthusiasmus ist allgegenwärtig

Im Zuge des diesjährigen Kongresses wurden Sie zur Präsidentin der EBSA, der European Biophysical Societies' Association, ernannt. Welchen Stellenwert haben wissenschaftliche Gesellschaften und welchen Beitrag können sie leisten?  

Elena Pohl: "Wissenschaftliche Gesellschaften leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Förderung der Wissenschaften. Die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung in der modernen Welt ist immens. Das haben wir – am Beispiel der Impfstoffe – auch während der Pandemie bemerkt. EBSA ist eine Vereinigung nationaler biophysikalischer Gesellschaften in Europa, wie etwa der Biophysics Austria. Sie fördert seit 1984 insbesondere die Grundlagenforschung an der Schnittstelle zwischen Biologie, Physik und Medizin. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Tagungen, die dem Austausch wissenschaftlicher Informationen, der wissenschaftlichen Diskussion und der Knüpfung von Kooperationsbeziehungen dienen. Die EBSA unterstützt außerdem junge WissenschaftlerInnen mit Stipendien für die Teilnahme an wissenschaftlichen Tagungen und für Arbeitsbesuche in anderen Forschungslaboratorien."

"Ungewöhnlich großes Interesse"

Das 60-jährige Jubiläum der Biophysics Austria gibt nicht nur Anlass für einen Rückblick, sondern auch Gelegenheit, um in die Zukunft zu blicken: Welche Ziele haben Sie für die Gesellschaft?  

"Das Jubiläum und der EBSA-Kongress, den die Biophysics Austria heuer zum ersten Mal in Wien veranstaltet hat, haben sowohl in der Fachwelt, d.h. bei WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen, als auch in der breiteren Öffentlichkeit für ein ungewöhnlich großes Interesse an biophysikalischer Forschung und ihrer potentiellen Anwendungen gesorgt. Unser Angebot an interessierte BürgerInnen wurde angenommen, d.h. wir konnten zum öffentlichen Vortrag von Nobelpreisträgerin Ada Yonath auch Nicht-WissenschaftlerInnen begrüßen.  

Dieser Erfolg hat uns motiviert, weitere Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, die das Bild universitärer Forschung, insbesondere im Bereich der Biophysik, in der Öffentlichkeit verbessern könnten. Neben der Unterstützung der Langen Nacht der Forschung bietet sich beispielsweise an, Veranstaltungen für SchülerInnen der Gymnasien zu organisieren.  

Wir wollen den Aufschwung, den Biophysics Austria in Vorbereitung auf die Tagung genommen hat, fortsetzen. Dazu gehört die regelmäßige Durchführung eigenständiger biophysikalischer Tagungen auf nationaler Ebene, die die Vernetzung und Kooperation auch innerhalb Österreichs stärken wird. Mit einer höheren Akzeptanz biophysikalischer Forschung wollen wir unseren Beitrag zur Verbesserung des Stellenwerts der Grundlagenforschung in Österreich leisten. Seit vielen Jahren sind die Aufwendungen pro Kopf gemessen an der Bevölkerung für Grundlagenforschung in Österreich nur etwa halb so hoch wie in Deutschland bzw. belaufen sich auf nur ein Viertel dessen, was in der Schweiz pro Kopf ausgegeben wird."

"Persönlicher Austausch ist und bleibt essenziell"

Corona hat viele Bereiche weiter digitalisiert, wie wichtig ist der persönliche Austausch in der Forschung?  

"Der persönliche Austausch in der Forschung ist und bleibt essenziell. Viele unserer TeilnehmerInnen haben hervorgehoben, wie sehr sie sich freuen, nach langer Zeit wieder eine Tagung vor Ort besuchen zu können. Eine ungezwungene Atmosphäre, spontane Treffen, neue Bekanntschaften, bis hin zu einer klar wahrnehmbaren Körpersprache bei gemeinsamen Diskussionen machen den Erfahrungsaustausch viel effektiver. Die Anbahnung neuer, unerwarteter Kooperationen und Quervernetzungen wird durch den persönlichen Austausch wesentlich erleichtert.  

Aber auch an diesem Kongress ist die Digitalisierung nicht spurlos vorbeigegangen – wir hatten einen erheblichen Anteil von TeilnehmerInnen, die aus verschiedenen Gründen nicht nach Wien reisen konnten. Die neue Technik hat auch ihnen ermöglicht, aktiv teilzunehmen. Wir hatten Vortragende, die ihr Heimatland nicht verlassen haben und doch ihre Resultate präsentieren konnten."

"Neuer Enthusiasmus allgegenwärtig"

Wie lautet Ihr Resümee der EBSA 2021?  

"Ich fange mit der Statistik an. 435 Teilnehmer waren in Wien anwesend, 267 nahmen an der Konferenz virtuell teil. Wir hatten ca. 170 exzellente SprecherInnen, die den aktuellen Stand der Wissenschaft präsentiert haben. Auch unsere abendlichen Diskussionen an Postern bei Snack & Wein waren ein voller Erfolg. 

Insbesondere junge TeilnehmerInnen, die aufgrund Corona-bedingter Reisebeschränkungen bisher nur an digitalen Tagungen teilnehmen konnten, waren begeistert über die Möglichkeiten des Informationsaustausches bei einer Tagung vor Ort. Neuer Enthusiasmus, die Freude darüber, eine eineinhalbjährige Durststrecke überwunden zu haben, war allgegenwärtig. Wir können daher mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass rein digitale Tagungen solche Vor-Ort-Kongresse wie die EBSA 2021 nicht ersetzen werden."

"Wien ist unschlagbar"

Wie hat sich Wien als Meeting Destination des hybriden Kongresses präsentiert?  

"Wien ist als Stadt für die Durchführung der internationalen Kongresse unschlagbar. Es ist nicht nur das besondere Flair der Stadt, die vielen Sehenswürdigkeiten und die freundlichen BewohnerInnen, die Wien so attraktiv machen. Unglaublich wichtig fand ich die sehr effiziente kundenorientierte Zusammenarbeit verschiedener Organisationen, die der Touristikbranche angehören. Von Anfang an, das heißt schon bei unserer Bewerbung für die Durchführung des EBSA-Kongresses in Wien im Jahr 2017, bekamen wir sehr effiziente Unterstützung durch das Vienna Convention Bureau. Während der Pandemie haben viele der beteiligten Organisationen wie Hofburg, ACV und Magistrat Wien maximales Verständnis für unsere Situation aufgebracht und ihr Bestes bei der Suche nach geeigneten Lösungen gegeben. Kanzler Sebastian Kurz hat die Schirmherrschaft über unseren Kongress übernommen, was doch zeigt, welch hohen Stellenwert die Wissenschaft am Standort Österreich hat. 

Entsprechend hervorragend war das Feedback der TeilnehmerInnen. Zusammenfassend kann ich das mit den Worten eines Professors aus dem Vereinigten Königreich wiedergeben: 'Dies war wohl die mit Abstand am schwierigsten zu organisierende Konferenz aller Zeiten, aber sie war ein großer Erfolg. Wer nicht dabei war, hat viel verpasst!'"

Mehr Informationen: 
EBSA 2021 
Interview mit Biologin und Nobelpreisträgerin Ada Yonath im Rahmen der EBSA 2021 
Interview mit Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Thomas Südhof im Rahmen der EBSA 2021